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Ulrich
Heimann
songs
from the wood
Anläßlich
der Verleihung des Kunstförderpreises der Stadt Neuss an Ralf Gemein Als Autor und Leser können wir den Preisträger vermutlich am angemessensten ehren, indem wir uns von seinen Arbeiten faszinieren lassen, sie eingehend betrachten und ebenso gründlich über das Wahrgenommene reflektieren, kommunizieren und ihm Sinn und Bedeutung für unser Leben zusprechen. Werfen wir also in diesem Sinne einen Blick auf die jüngste Produktion des Geehrten: Vier 200 x 200 cm große Leinwände mit dem Titel „songs from the wood, 200.1 - 200.4“. Der
erste Eindruck: man meint, gegenstandslose Arbeiten vor Augen zu haben.
Wenn sie überhaupt spontan an irgendetwas aus beliebigen Lebens- oder
Bildwelten erinnern, dann allenfalls an Muster, die in der Modebranche als
„Camouflage“ bezeichnet werden oder beim Militär als
„Tarnanstrich“ bekannt sind. Wer möglicherweise eher an stark
stilisierte Holzmaserung als an Zebrafell denkt, hat einen Volltreffer
gelandet, kann deswegen aber noch lange nicht wissen, dass es sich dabei
um Thematisierung von Kunstgeschichte; genauer: um ein Zitat aus einem Werk Roy Lichtensteins, aber auch um eine
Anspielung auf eine zentrale Episode des Kubismus handelt. Das
nährt natürlich den Verdacht, dass man mit der Vermutung, es
mit gegenstandslosen Bildern zu tun zu haben, nicht richtig gelegen
hat. Tatsächlich liegt den vier großformatigen Bildern als
Sujet – was zu identifizieren ohne Vertrautheit mit Bildern Ralf
Gemeins aus den zurückliegenden Jahren kaum möglich sein
dürfte – eine Playmobilfigur zugrunde, genauer gesagt:
Gesicht und Hinterkopf einer Playmobilfigur mit Pagenfrisur und
Cowboyhut als flächige Projektion (der Leserschaft wird empfohlen,
Ralf Gemeins „passing strangers“ sowie Werke aus der
„Welt“-Serie, siehe Abb. 3 und 5 dieses Katalogs oder auf
www.ralfgemein.de zum Vergleich hinzuzuziehen). Je vier Hüte sind
spiegelsymmetrisch zu einem übergeordneten Element zusammengefasst
und mit der Lichtensteinschen Holzmaserung versehen. Diese Elemente
treten zu einem endlosen, all-over-artigen, ornamentalen Superzeichen
zusammen, organisiert durch den regelmäßig wiederkehrenden
Rapport von vier Darstellungen der Hutkrempe, die sich in einem Punkt
berühren. Diese ornamentale Konfiguration führt uns Ralf
Gemein als Ausschnitt aus einem unüberschaubaren, orthogonal zur
Bildebene durch den Bildraum schwebenden Teppich vor. Dieser Bildraum
ist letzten Endes linearperspektivisch konstruiert, allerdings in
Parallelprojektion, also ohne Verkürzung. Die Holzmaserung jedoch,
die die Hüte dekoriert, vollzieht die orthogonale Orientierung in
die Bildtiefe nicht mit, sondern ist parallel zur Bildebene
angelegt.Das gleiche Motiv, jedoch mit den ursprünglich
dazugehörenden Köpfen, taucht zusätzlich als Schatten
auf, der auf diese teppichartige Flotte von Bildelementen fällt
und alles Beschattete entsprechend verdunkelt, während dieses den
Schatten zugleich deformiert. Allen vier Arbeiten liegen die gleichen
am Computer entwickelten, jedoch jedesmal neu zugeschnittenen und neu
kombinierten Entwürfe für die drei Bildebenen (den hellen
Hintergrund nicht mitgezählt) zugrunde. Hat
man das Sujet identifiziert oder durch intertextuellen Vergleich zur
Kenntnis genommen, irritiert die Unangemessenheit, mit der ein an sich
harmloses Motiv aus dem Kinderzimmer mit einem darstellerischen Aufwand
von nahezu unüberschaubarer Komplexität zur Anschauung gebracht wird.
Dies steht zur Schlichtheit der Soziologie der eigentlichen Playmobilwelt
in einem ironischen Kontrast. Das Naiv-Idyllische der Playmobilwelt
verweist so ex negativo auf die Komplexität und Unüberschaubarkeit der
wirklichen Welt. Bei aller Gutgelauntheit fehlt den Playmobilfiguren die
Individualität. Wohlmeinende pädagogische Berater des
Playmobil-Marketings mögen einwenden, die unindividuelle Physiognomie sei
die ideale Projektionsfläche für die Phantasie und das Spiel der lieben
Kleinen; im Zeitalter von Bio- und Gentechnologie stellt sich aber
unweigerlich die Assoziation ein, es handle sich um Klone. Vielleicht hat
der Playmobil-Hersteller deswegen in den letzten Jahren die Physiognomien
der Figuren durch aufgemalte Wimpern und Augenbrauen, Sommersprossen und
Hautfarbe sowie mehr Frisuren und Bärte differenziert. Da jedoch in den
„songs from the wood“ Physiognomie nicht vorkommt, müssen wir dieser
Frage hier nicht weiter nachgehen. Überhaupt
tritt offensichtlich das Playmobil-Thema (und dem muss folglich auch alle
an dieses Motiv herangetragene Hermeneutik Rechnung tragen) in der Malerei
Ralf Gemeins etwa gegenüber der „Welt“-Serie oder den „passing
strangers“ in den Hintergrund. Das geht einher mit einer ebenso
deutlichen Veränderung der Palette Ralf Gemeins: Die „Welt“ –
Malereien boten noch ein vielfältig differenziertes, oft leuchtend
buntfarbiges Kolorit. Bereits in “passing strangers“ hatte die
Buntfarbe sich schon in die Konturen zurückgezogen, die Flächenfarben näherten
sich dem Grau, das
nun bei den „songs from the wood“ vollends erreicht ist: neutrales
Grau in sechs Helligkeitsstufen, Grau, die Farbe der Unscheinbarkeit, der
Indifferenz, der Gleich-Gültigkeit. Bestimmte
historische Strömungen der Malerei des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts – beileibe nicht alle, wie eine einseitig
„modernistische“ Richtung der Kunstgeschichtsschreibung
suggerieren möchte – abstrahieren von der ansichtsbedingten
Erscheinungswirklichkeit ihrer Sujets, um die gestalterischen Mittel zu
autonomisieren bzw. einer Entäußerung von Subjektivität
zur Verfügung zu stellen: Farbe, Form, Linie, Pinselduktus.
Dergleichen wiederholt sich in der Entwicklung der Malerei Ralf Gemeins
von der „Welt“-Serie bis zu den „songs from the
wood“ natürlich nicht. Die Marginalisierung des Sujets geht
in Ralf Gemeins „songs from the wood“ im Gegenteil einher
mit der (scheinbaren) Abwertung der Farbe und mit der fortgesetzten
Pflege einer anonymen Faktur der malerischen Oberfläche.
Abgedroschen und längst fragwürdig geworden ist ja nicht nur
eine unreflektierte Mimesis, sondern ebenso eine unreflektierte
Gegenstandslosigkeit oder ein ungebrochener Subjektivitätstaumel
in der Kunst. Die
Spurenverwischung in Bezug auf das Sujet „Playmobil“ ist zweifellos in
dessen Wahl bereits angelegt. Es ist ja keine herkömmliche Bildfindung im
Sinne einer creatio ex nihilo, sondern Bearbeitungen eines Fundes.
Playmobil als Sujet ist eine Art Ready made, nur komischer als der
Flaschentrockner Marcel Duchamps. In
diesem Licht wird verständlich, was die in den „songs from the wood“ kombinierten Bildgegenstände,
nämlich die Lichtensteinsche bzw. kubistische Holzmaserung und der Hut
einer Playmobilfigur, miteinander zu tun haben. Beides sind mimetische
Bearbeitungen von Fundstücken, Zitate vorgefundener Zeichen aus der Sphäre
der visuellen industriellen Massenproduktion, zum anderen aus der
Hochkultur, wobei bekanntlich sowohl die kubistische als auch die
Pop-Art-Holzmaserung ihrerseits zurückgriffen auf industriell gefertigte
Nachahmungen. Es gibt nichts in den „songs from the wood“, was nicht
secondhand, was nicht wieder- und wiederverwendet wäre und mithin überaus
treffend im unscheinbaren Grau, dem Kolorit des Einerlei in Erscheinung
tritt. Andererseits – und deswegen war oben von der scheinbaren Abwertung der Farbe die Rede – bekommen wir in allen
vier „songs from the wood“ verschiedene, sogar verschiedenfarbige
Grauvaleurs geboten, ein weiteres Beispiel für die Komplexität der künstlerischen
Artikulation der „songs from the wood“– ihrer diversen Verweise auf
den Kunstdiskurs, ihrer paradoxen Kombinationen von flächenhaften und
tiefenräumlichen Darstellungsmodi, ihrer kunstgeschichtlichen
Anspielungen auf verschiedene Strategien der klassischen Moderne und der
zeitgenössischen Kunst. Ein
gutes Ready made und eine tüchtige Portion Autoreflexivität entlasten
von der heutzutage unter der Vorherrschaft der gesamtkulturellen Logorhöe
vielleicht uneinlösbaren, vielleicht auch obsoleten Verpflichtung, als Künstler
etwas noch nie Gesagtes zu erfinden. John Cage, der, wie viele andere Künstler,
so auch Ralf Gemein, nicht bereit ist, aus diesem Befund die Konsequenz
des Verstummens zu ziehen, reagierte mit dem Satz: „Ich habe nichts zu
sagen, und das sage ich.“ In dieser Haltung gesellt sich Skepsis gegenüber
dem Zeichen, dem Bild, zu einem Agnostizismus gegenüber dem zu
Bezeichnenden – nicht die schlechtesten Voraussetzungen für gute,
interessante Kunst. |
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