Dr. Ferdinand Messner - Kunstverein Trossingen

Abstrakte Räume

Ralf Gemeins Malerei ist ebenso spannend wie originell, weil sie sämtliche Möglichkeiten und Extrempole von Malerei integriert, ohne die zentrale Errungenschaft moderner Kunst, die Kunstautonomie, in Frage zu stellen. Diese wird jedoch nicht wie etwa bei Ad Reinhardt durch eine Reduktion von Inhalt, Farbe und Form, sondern vielmehr durch eine visuelle wie inhaltliche Komplexität, Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit erzielt, die dem Betrachter keine bestimmte Interpretationsrichtung vorgibt und ihn gerade deshalb nicht zur Ruhe kommen lässt, sondern zu immer neuen Seherlebnissen und Deutungen des Gesehenen anregt. Das zentrale Anliegen und die eigentliche Herausforderung moderner Malerei, die Förderung von Subjektivität und Individualität beim Betrachter, wird so beispielsweise durch die (erneute) Hereinnahme fiktiver Räumlichkeit und Plastizität sowie wiedererkennbarer Motive nicht etwa geschmälert, sondern durch deren gleichzeitige Relativierung und Brechung insofern noch verstärkt, als jede Betrachtung zwangsläufig zwischen den vom Künstler vorgegebenen Bildebenen changiert, ohne jemals festen Halt finden zu können.

Wie Ulrich Heimann feststellt, gleicht Ralf Gemeins Malerei grundsätzlich dem All-over eines Jackson Pollock, weil sie keine intendierte Komposition aufzuweisen, sondern einen willkürlichen Ausschnitt komplexer Strukturen zu zeigen und dementsprechend jenseits des Bildausschnitts weiterzulaufen scheint. Gemein ersetzt jedoch Pollocks expressiven Duktus durch eine sorgsam ausgeführte, ebenso flächig-abstrahierte wie schablonenhaft-modular wirkende All-over-Struktur, die sich aus Versatzstücken unserer Alltagswelt wie Playmobil-Figuren oder LEGO-Bausteinen zusammensetzt, sodass ein Kontrast zwischen Fern- und Nahsicht, zwischen chaotisch anmutender Gesamtstruktur und vertrauten Details entsteht. Ralf Gemeins Malerei erweist sich also nicht nur dadurch als „postmodern“, dass sie vermeintliche Gegensätze integriert und konfrontiert, sondern auch dadurch, dass sie sich Historisches und Vorgefundenes auf anscheinend naive Weise aneignet. Bei genauerem Hinsehen erweist sie sich jedoch als genau durchdachte „Metakunst“ in der Tradition eines Roy Lichtenstein, der die Postmoderne einläutete, indem er einen abstrakten Pinselstrich malte und ihn dadurch zum Bildgegenstand erhob. Gemein geht noch einen Schritt weiter, indem er eine inhaltliche Komponente einführt und diese durch ebenso ironische wie wenig sagende Bildtitel, durch die Banalität, Vervielfältigung und Modularisierung der verwendeten Bildmotive, aber auch durch deren Abstraktion und Auflösung in Flächenkompartimente in Kontrast zu ihrer fiktiven Plastizität zugleich „dekonstruiert“.

Die Einführung plastischer Bildelemente, die sich aus wenigen monochromen Flächen zusammensetzen und wie Planeten im Weltraum selbstbewegt in einem fiktiven Bildraum zu schweben scheinen, ist ein Charakteristikum von Ralf Gemeins Malerei. Ebenso wie die inhaltliche Ebene wird Räumlichkeit dabei erneut zu einem Bildthema, das sich zwar unsere Erfahrung zu Nutze macht, letztlich aber keine externe Realität abbildet, darstellt oder nacherzählt, sondern eine eigene, bildinterne Wirklichkeit entstehen lässt. Darüber hinaus erschließen Gemeins Wandmalereien und -installationen eine weitere Dimension von Raum, indem sie sich auf einen realen Umraum beziehen, realen und fiktiven Raum konfrontieren, ersteren um eine kunstimmanente, „abstrakte“ Räumlichkeit erweitern. Obwohl hier mit Tiefensog und Suggestion von Bewegung dieselben Mittel wie bei einem barocken Fresko angewandt werden und die Aufmerksamkeit des Betrachters somit gleichermaßen stimuliert wird wie bei dem historischen Vorbild, bleibt das Ergebnis des subjektiven Interpretationsprozesses nicht nur ebenso offen wie beim flächig-abstrakten Bild, seine Offenheit wird infolge von Multidimensionalität und Widerstreit der Dimensionen noch gesteigert.

Copyright: regio-kunst.de, Dr. Ferdinand Messner